„Ich will nicht ins Office zurück!“

„Für mich ist das Homeoffice die ideale Lösung. Ich kann hier konzentrierter und produktiver arbeiten. Abgesehen davon ist es für die Vereinbarkeit besser und der Fahrweg stresst mich auch nicht mehr.“ In fast jedem Unternehmen, in dem ich zuletzt war, hörte ich solche oder ähnliche Aussagen. Ich kann das verstehen.
Jedes dieser Argumente verstehe ich.
Und natürlich stehen sich die Arbeitgeber vermutlich besser, wenn sie eine möglichst flexible Handhabung vereinbaren. Immerhin herrscht ein enormer Fachkräftemangel und die Unternehmen überbieten sich gegenseitig mit Goodies, um gute Mitarbeitende zu halten.

Auch aus Umweltsicht ist eine Homeoffice-Regelung vermutlich besser. Wir haben weniger Verkehr, weniger Absage, weniger Gedrängel in den Öffentlichen und bestimmt auch weniger Ansteckungen mit Corona oder der Grippe.

Und trotzdem, glaube ich, sollten wir – zumindest zeitweise – zurück!
Wir, und damit meine ich uns, Ladys, kämpfen seit Jahren um Gleichberechtigung auf allen Ebenen. Dafür müssen wir sichtbar sein. Sind wir das im Homeoffice? Können wir uns in digitalen Konferenzen wirklich auf unser Gegenüber einlassen? Unseren Standpunkt vertreten? Das Gegenüber aufnehmen? Mit Gestik, Mimik und allen zwischenmenschlichen Facetten?
„Nicole, ganz ehrlich. Im Homeoffice brauche ich mir keinen blöden Sprüchen mehr anhören, warum ich jetzt zu meinen Kindern muss, oder warum sie heute eben beim Papa sind.“ Verstehe ich auch. Finde ich schlimm genug, dass wir hier immer noch die Schlagfertigkeitsqueen auspacken müssen.
Aber ist es die Lösung, zu Hause zu bleiben? Oder ist es gar ein Verstecken? Ein komfortables „Ich kann noch schnell die Wäsche anwerfen“-Verstecken? Ein „Dann gehe ich den Diskussionen aus dem Weg“-Verstecken? Ich glaube, wir können uns weder ein Versteckspiel leisten, noch haben wir es nötig.

Tut uns vielleicht der Wechsel zwischen Homeoffice und Büro gleich auf mehreren Ebenen gut?
Dass mich so viele Unternehmen fragen „Wie bekommen wir die Mitarbeitenden zurück ins Office?“, kann ja kein Zufall sein. Vielleicht ist jetzt unser – und damit meine ich unser Menschenbild als ArbeitnehmerIn – gefragt. Nicht immer hat der Wunsch, dass wir zurückkommen, „Kontroletti-Gründe“.
Ich kenne viele Unternehmen, Chefs und Chefinnen, die ihre Mitarbeitenden nicht im Büro haben wollen, weil sie sie kontrollieren wollen, sondern weil sie spüren, dass etwas Wesentliches verloren geht: Das Miteinander. Das sich in die Augen gucken. Das Blabla auf dem Flur. Das Kreative, was aus dem Blabla entsteht. Das Gefühl, alle zusammen an einem Strang zu ziehen. Der persönliche Austausch, ohne in Kacheln zu schauen. Das „Hast du mal einen Moment für mich“-Gefühl?

Neueste Studien zeigen zudem noch ein anderes Bild. Das University College London (UCL) hat bei 3.000 Studien-Teilnehmenden herausgefunden, dass sich nahezu alle Befragten im Büro besser auf die Arbeit einstellen können und jeder Zweite sagte, er neige im Homeoffice mehr zum Naschen. Eigentlich möchte man ja vermuten, dass Homeoffice mehr Zeit für Sport übriglässt, aber in der Praxis sieht es so aus, dass sich seit dem Jahr 2020 die Menschen noch weniger bewegen. Und ungesünder ernähren. Und das ihren Kindern vorleben …
Ist die Büropflicht also ein wichtiger Schritt in Richtung gesundes Leben?

Neben dem Gesundheitsaspekt zeigt die Studie der UCL aber auch, dass der Wechsel zwischen Homeoffice und dem Büro die kognitive Leistungsfähigkeit und das mentale Wohlbefinden steigert. Also lohnt sich der Wechsel auch von dieser Ebene her betrachtet allemal.

Die persönliche Sichtweise oder der Wunsch sind das eine, was aber sagt eigentlich das Gesetz zu dem Thema?
Henrik Behnke, Fachanwalt für Arbeitsrecht stellt klar:

Den Arbeitsort bestimmt der Arbeitgeber, so steht es im Gesetz; zumindest so lange nichts Gegenteiliges vereinbart ist. Vereinbarungen finden sich zumeist in Betriebsvereinbarung oder in individuellen Vereinbarungen. In welchem Umfang Homeoffice oder mobile Arbeit geleistet werden soll oder darf, ist sehr unterschiedlich. Bei Verhandlungen plädiere ich für klare Regelungen, gerne mit einem hohen Maß an Flexibilität. Und mit klaren Regelungen für Präsenzzeiten. Wenn ich als Arbeitgeber Wert darauflege, dass nicht ausschließlich aus dem Homeoffice gearbeitet wird, kann ich das vereinbaren. Kein Arbeitgeber muss sich auf andere Regelungen einlassen. Wenn zudem Desk-Sharing-Modelle eingeführt werden, sollte neben festgelegten Zeiten auch eine räumliche Zusammenarbeit sichergestellt werden. Die Interessenslagen sind beim Homeoffice sehr vielfältig – und zwar auf beiden Seiten. Diese sinnvoll zusammenzubringen, ist keine rechtliche Frage, sondern eine der Unternehmensphilosophie.

Der Schlüssel zum Glück scheint also – wie so oft – in den berühmten Grauzonen zu liegen:
Lasst uns also ehrlich und offen selbst hinterfragen, warum wir so am Homeoffice hängen. Und wenn zu viel Bequemlichkeit am Start ist: Auf geht’s! Rein in die Klamotten und den Dankbarkeitsschalter an, der ermöglicht den Wechsel von „Oooooh nein, ich muss ins Büro“, hinzu „Mega, heute DARF ich ins Büro!“

Foto von Sincereley Media auf Unsplash

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